Zaster-Tango

 – Lieber Gott, du gabst mir Zaster,
Mit dem Zaster kam das Laster,
Habe manchen meiner Scheine
Umgesetzt in Bier und Weine,
Und zuweilen in Likör,
Alkohol ist mein Malheur.


Wenn die andern Leute träumen,

Steh ich unter dunklen Bäumen

Sehr besoffen und erheitert,

Im Empfinden sehr erweitert,

Und es wirkt auf mich die Nacht

Richtig wie von mir gemacht.


Ach, ich bin so gern besoffen!

Lass mich dennoch weiterhoffen,

Einstens zu den andern Frommen

In den Himmel reinzukommen.

Und zur Freude für uns beide,

Lieber Gott, das wär der Hit,

Bring ich uns ein Fläschchen mit.


Mit dem Zaster kam das Laster,

Habe manchen meiner Scheine

Umgesetzt in Bier und Weine,

Und zuweilen in Likör,

Alkohol ist mein Malheur.


Wenn die braven Leute schlafen,

Steh ich zwischen schwarzen Schafen,

Sehr besoffen sind wir alle,

Niemand kriegt uns in die Falle,

Und es wirkt auf mich die Nacht

Richtig wie von mir gemacht.


Ach, ich bin so gern besoffen!

Lass mich dennoch weiterhoffen,

Einstens zu den andern Frommen

In den Himmel reinzukommen.

Und zur Freude für uns beide,

Lieber Gott, das wär der Hit,

Bring ich uns ein Fläschchen mit.


Lass mich, eh‘ sie mich begraben,

Einen Letzten sitzen haben,

Und den Allerletzten oben,

Hast du je ein Glas gehoben,

Lieber Gott, bedenke dann:

Hundsgemein ist jedermann,

Der darauf verzichten kann.




Fotoshooting anno prüm

 – Und? Der Fotograf, der wollte,
Det ick mir verknautschen sollte,
Beene ineinander legen,
Arme hinterm Rücken schrägen,
Gar keen Lächeln durft ick bringen,
Gucken wie beim Wäschewringen,
Und die allerschönsten Teile
Wie zwee Lampen! In der Eile
War keen Sofa aufzutreiben,
Also uffm Teppich bleiben,
Und im Rücken eene Kiste,
«Mädchen», schrie er, «nackert biste,
Und det reicht, im Hintajrund
Fehlt eventuell een Hund,
Hätten wir mehr Atmosphäre,
Iss ejal, am scheensten wäre,»
Schrie er, «denkst ans Kohlenschippen,
Det bringt Farbe uffe Lippen,
Achtung, kieken! Nich bewejen,
Seele uffn Friedhof lejen,
Bloß nich wackeln, jrade sitzen,
So, jawoll, jetzt lass mers blitzen!»
Und? Wenn da een Hund jestanden
hätte, hätten
Der und ick det Scheißbild och nicht
retten können, wetten?


Erinnerung an Hanna Seiffert

 – Es war so eine Nacht mit Sommer, Mond und Wein,
Ein Gartentisch – und zwei Verrückte sitzen da und bauen
Das Universum um in eine Welt aus lauter Pusteblumen,
Marie, du lachst, ein quietschvergnügtes Schepperlachen
Aus Tiefen hochgeholt, schiebst mir den Rotwein hin:
Zum Wohl auf alle, die schon in den Betten liegen,
Ich bin erst übermorgen müde! Auf das Leben!

Und wie du plötzlich ernst sein konntest! Wie ein Kind,
Das sich zum Denken Zeit nimmt und noch fragt,
Weil es das einfach Ausgedachte sucht und sagt
Es irgendwann und hat sich heimlich damit weggeträumt.  
Der Georg Kreisler hockte unterm Tisch, hat mitgeschwiemelt
In jener auf den Kopf gestellten Nacht. Jetzt steht er oben
Und hakt sich bei dir unter, wenn du kommst:

Madame, Sie werden hier erwartet, kleine Runde,
Der Shakespeare hat sich angesagt, der Morgenstern,
Der Ringelnatz bringt Pellkartoffeln mit und Quark,
Uns beide hat man als Gesangsduett verpflichtet,
Wir singen von den längst vergangnen Fernen,
Vom Zeitverschwenden hinter allen Sternen,
Und dass es schön war unten auf der Erde.


Vor der OP (1)

 – hören >> 

– Schon morgen lieg ich unterm Messer.
Vorangemeldet himmelhoch.
In vierzehn Tagen, weiß der Teufel, gehts mir besser,
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht
Werd ich wie weggeweht einfach verschwinden
Über den Winden.
 
Als Mensch war ich gelegentlich ein Knüller,
So immerhin sah ich mich selbst.
Ich seh den Teufel mit gezücktem Füller,
Er schreibt mich in sein Ofenbüchlein ein –
In vierzehn Tagen
könnt ich durch die Ofentür geschoben sein.
 
Lebt erst mal wohl, ihr Glücklichen hier unten,
Ich hab den Sommer hinter mir.
Er zählte ohnehin nicht zu den bunten,
Die letzten grauen Tage gönn ich euch.
Und schreibt die Zeitung vom Chirurgenstreich
In einem gut geführten Hospital,
Dann, bitte, denkt an mich, dann war ich mal.

Dann, bitte, möcht ich nicht, dass irgendwo ein Stein
Mit eingekratztem Datum steht, der kostet nur.
Auch nicht ein Kreuz aus schlichtem Holz
vom Sonderangebot.
Besuche nicht erwünscht! – Ich lass euch eine Spur,
Versprochen. Irgendwie bin ich dann tot
Und abgedriftet hinters Abendrot.

Und manchmal morgens, wenn die Brötchen duften,
Wenn schon die Leute
in Gedanken um die Wette schuften,
Dann guck ich in den Tag und guck auf euch.
Vielleicht als Kröte
Mit Lust auf nichts als bisschen Morgenröte.


Nach der OP (2)

 – hören >> 

 – Da bin ich doch tatsächlich auferstanden –
Im Ernst, ich hab nicht wirklich dran geglaubt.
Noch steh ich schief und bin nur als Entwurf vorhanden,
Doch hat man meine Teile so verschraubt,
Dass irgendeine Art von Mensch zum schönen Schluss
Aus dem Verschraubten werden muss.
 
Ich war ganz nah am himmlischen Geschehen,
Sie haben sich da oben sehr bemüht,
Sie ließen mich durch Schokoladenwälder gehen,
Die Engel waren auf Verlangen nackt zu sehen,
Mein totgeglaubter Kaktus hat geblüht,
Rundum in allem und um alles ruhte
Das Gute.
 
Sie brachten einen Spiegel, und ich sah mich:
Was war ich doch für eine Lichtgestalt!
Das Gute hatte sich mir in den Blick gekrallt,
Ein Herz aus Gold war mir nun um die Brust geschnallt,
Sie führten mich zu einem Tümpel, und ich hüpfte
Ins Wasser, und ein Wasserengel schlüpfte
Mir zwischen Beinen, Armen und ich weiß nicht was
Hindurch, der rief und lächelte,
Indem er Wasser fächelte:
Die Finger, Alter, lass von Raum und Zeit,
Auf gehts in die Unendlichkeit!

Nee! Wollt ich nicht! Mir stand nach Endlichem der Sinn.
Zurück ins Endliche – das wars, worauf ich spitzte.
Ich schob dem Wasserengel eine Welle hin,
Auf dass er irritiert ins Weite flitzte.
Ich hörte die Doktoren Worte wägen,
Und mir ihr Monogramm ins Brustbein sägen …
Dann bin ich aufgewacht
Und hab gedacht:
Da ist noch eine letzte Runde drin!
Ich hob das Kinn
Und hör die Schwester sagen: «Menschenskind,
Schön, dass Sie wieder unten angekommen sind!»


Und nun? (3)

   – hören >> 

 – Ich danke schön. Die guten Wünsche salben
Das reparierte Herz. Es pumpt schon wieder fast
Wie einst im Mai. Der Blick zieht mit den Schwalben
Irgendwohin ins Blaue, ja, der ganze Kerl
Streckt sich schon wieder, und die Sinne kleben
Am neuen Leben.
 
Was, bitte, fang ich mit dem neuen Leben an?
Bin ich noch ganz der Alte? Ist die Welt noch rund?
Mir fehlen immerhin fast dreizehn Pfund,
An mir ist sozusagen kaum noch etwas dran.
 
Ich geh mit kleinen Schritten durch die Welt.
Die großen Schritte muss ich mir verkneifen;
Solang die Lungen noch Proteste pfeifen,
Bin ich auf halbe Schlagzahl eingestellt.
Ich geh mit kleinen Schritten hin zu einem Hund
Und setz mich neben ihn.
Der Hund ist bunt
In einen Strickpullover eingezwängt,
Die Sonne sengt, der Hund verschenkt
Ein Nasenstubsen, und er denkt.

Es denkt der Hund: Der Mensch da neben mir
Ist insofern ein sorgenfreies Tier,
Als er pullovermäßig in der Mittagshitze,
In der ich schwitzend ihm zur Seite sitze,
Sich das Gestrickte runterreißen könnte
Und in den nächsten Gulli schmeißen könnte.
Ich kann das nicht, ich bin gestraft,
Als Hund und höheres Geschöpf versklavt.

Das denkt der Hund. – Ich denke an die Jahre,

Die ich noch habe, nämlich fünfzehn garantiert.

Und plötzlich seh ich mich zerfallen,

Ich seh mich nach dem Leben krallen,

Ich seh mich strickpullovermäßg etabliert

Im Zimmer bei den Alten, und die Haare,

Die ich noch zählen kann, die fliegen auf

Im Abendwind zum Himmel rauf,

Ich ende schließlich irgendwie versklavt am Fenster hockend

Und wütend gegen alles Lebensschöne bockend.


Da spricht der Hund: «Hör einfach auf zu denken,

Du könntest mir ein Eis mit Sahne schenken!»



Schellackplatten-Tango


– Wenn die Schellackplatte kratzte,
Und das Liebesweh lief rund,
Ach, dann nahm er sie und schmatzte
Ihr die Sehnsucht auf den Mund,
Und dann spürte sie auch – irgendwas Gewisses,
Doch sie wusste nicht so – ganz genau, was isses.

Wenn der Tango sie umspülte,
Und sie bog sich zu ihm hin,
Ach, dann nahm er sie und kühlte
Ihr das Ohr am Männerkinn,
Und dann stahl er sich ihr – Lächeln und zerbisses,
Und dann wusste sie auch – ganz genau, das isses.

Manchmal streifte er am Tangokleid die Schlitze,
Und dann littse,
Littse sehr,
Denn das führte nur zu unvollkommner Hitze,
Und dann glittse,
Glittse mehr,
Mehr und mehr ihm von der Brust
Und entwand sich seiner Lust,
Doch den nächsten Tangsoschritt,
Hielt sie hitzehoffend wieder gerne mit.

Wenn die Schellackplatte kratzte,
Und das Liebesweh lief rund,
Ach, dann nahm er sie und schmatzte
Ihr die Sehnsucht auf den Mund,
Und dann spürte sie auch – irgendwas Gewisses,
Doch sie wusste nicht so – ganz genau, was isses.

Wenn der Tango sie umspülte,
Und sie bog sich zu ihm hin,
Ach, dann nahm er sie und kühlte
Ihr das Ohr am Männerkinn,
Und dann stahl er sich ihr – Lächeln und zerbisses,
Und dann wusste sie auch – ganz genau, das isses.

Manchmal drückte er sie hin zur Bodenritze,
Und dann schnittse,
Schnittse gern
Ein Gesicht und schickte augenschlitzend klitze-
kleine Blitze
Zu dem Herrn,
Und der hätte auch im Tang-
go mit ihr die Ritze lang
Manchen Drücker noch gewagt,
Doch da hat dem Herrn die Puste sich versagt.

Wenn der Tango sie umträumte,
Und die Blicke wurden schwer,
Ach, dann nahm er sie und räumte
Ihr das Sehnsuchtszimmer leer,
Und dann konnte sie am – nächsten Morgen singen,
Er hingegen musste – nach Erholung ringen.

Wenn die Schellackplatte drehte,
Und das Liebesweh lief rund,
Ach, dann trieb er ins Verwehte,
Kam am Ende auf den Hund,
Und sie weinte ihm nicht – eine Träne, ach,
Weil der Tango sie dem Nächsten in die Arme spülte, nach.