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Vor der OP (1)

 – hören >> 

– Schon morgen lieg ich unterm Messer.
Vorangemeldet himmelhoch.
In vierzehn Tagen, weiß der Teufel, gehts mir besser,
Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht
Werd ich wie weggeweht einfach verschwinden
Über den Winden.
 
Als Mensch war ich gelegentlich ein Knüller,
So immerhin sah ich mich selbst.
Ich seh den Teufel mit gezücktem Füller,
Er schreibt mich in sein Ofenbüchlein ein –
In vierzehn Tagen
könnt ich durch die Ofentür geschoben sein.
 
Lebt erst mal wohl, ihr Glücklichen hier unten,
Ich hab den Sommer hinter mir.
Er zählte ohnehin nicht zu den bunten,
Die letzten grauen Tage gönn ich euch.
Und schreibt die Zeitung vom Chirurgenstreich
In einem gut geführten Hospital,
Dann, bitte, denkt an mich, dann war ich mal.

Dann, bitte, möcht ich nicht, dass irgendwo ein Stein
Mit eingekratztem Datum steht, der kostet nur.
Auch nicht ein Kreuz aus schlichtem Holz
vom Sonderangebot.
Besuche nicht erwünscht! – Ich lass euch eine Spur,
Versprochen. Irgendwie bin ich dann tot
Und abgedriftet hinters Abendrot.

Und manchmal morgens, wenn die Brötchen duften,
Wenn schon die Leute
in Gedanken um die Wette schuften,
Dann guck ich in den Tag und guck auf euch.
Vielleicht als Kröte
Mit Lust auf nichts als bisschen Morgenröte.


Nach der OP (2)

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 – Da bin ich doch tatsächlich auferstanden –
Im Ernst, ich hab nicht wirklich dran geglaubt.
Noch steh ich schief und bin nur als Entwurf vorhanden,
Doch hat man meine Teile so verschraubt,
Dass irgendeine Art von Mensch zum schönen Schluss
Aus dem Verschraubten werden muss.
 
Ich war ganz nah am himmlischen Geschehen,
Sie haben sich da oben sehr bemüht,
Sie ließen mich durch Schokoladenwälder gehen,
Die Engel waren auf Verlangen nackt zu sehen,
Mein totgeglaubter Kaktus hat geblüht,
Rundum in allem und um alles ruhte
Das Gute.
 
Sie brachten einen Spiegel, und ich sah mich:
Was war ich doch für eine Lichtgestalt!
Das Gute hatte sich mir in den Blick gekrallt,
Ein Herz aus Gold war mir nun um die Brust geschnallt,
Sie führten mich zu einem Tümpel, und ich hüpfte
Ins Wasser, und ein Wasserengel schlüpfte
Mir zwischen Beinen, Armen und ich weiß nicht was
Hindurch, der rief und lächelte,
Indem er Wasser fächelte:
Die Finger, Alter, lass von Raum und Zeit,
Auf gehts in die Unendlichkeit!

Nee! Wollt ich nicht! Mir stand nach Endlichem der Sinn.
Zurück ins Endliche – das wars, worauf ich spitzte.
Ich schob dem Wasserengel eine Welle hin,
Auf dass er irritiert ins Weite flitzte.
Ich hörte die Doktoren Worte wägen,
Und mir ihr Monogramm ins Brustbein sägen …
Dann bin ich aufgewacht
Und hab gedacht:
Da ist noch eine letzte Runde drin!
Ich hob das Kinn
Und hör die Schwester sagen: «Menschenskind,
Schön, dass Sie wieder unten angekommen sind!»


Und nun? (3)

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 – Ich danke schön. Die guten Wünsche salben
Das reparierte Herz. Es pumpt schon wieder fast
Wie einst im Mai. Der Blick zieht mit den Schwalben
Irgendwohin ins Blaue, ja, der ganze Kerl
Streckt sich schon wieder, und die Sinne kleben
Am neuen Leben.
 
Was, bitte, fang ich mit dem neuen Leben an?
Bin ich noch ganz der Alte? Ist die Welt noch rund?
Mir fehlen immerhin fast dreizehn Pfund,
An mir ist sozusagen kaum noch etwas dran.
 
Ich geh mit kleinen Schritten durch die Welt.
Die großen Schritte muss ich mir verkneifen;
Solang die Lungen noch Proteste pfeifen,
Bin ich auf halbe Schlagzahl eingestellt.
Ich geh mit kleinen Schritten hin zu einem Hund
Und setz mich neben ihn.
Der Hund ist bunt
In einen Strickpullover eingezwängt,
Die Sonne sengt, der Hund verschenkt
Ein Nasenstubsen, und er denkt.

Es denkt der Hund: Der Mensch da neben mir
Ist insofern ein sorgenfreies Tier,
Als er pullovermäßig in der Mittagshitze,
In der ich schwitzend ihm zur Seite sitze,
Sich das Gestrickte runterreißen könnte
Und in den nächsten Gulli schmeißen könnte.
Ich kann das nicht, ich bin gestraft,
Als Hund und höheres Geschöpf versklavt.

Das denkt der Hund. – Ich denke an die Jahre,

Die ich noch habe, nämlich fünfzehn garantiert.

Und plötzlich seh ich mich zerfallen,

Ich seh mich nach dem Leben krallen,

Ich seh mich strickpullovermäßg etabliert

Im Zimmer bei den Alten, und die Haare,

Die ich noch zählen kann, die fliegen auf

Im Abendwind zum Himmel rauf,

Ich ende schließlich irgendwie versklavt am Fenster hockend

Und wütend gegen alles Lebensschöne bockend.


Da spricht der Hund: «Hör einfach auf zu denken,

Du könntest mir ein Eis mit Sahne schenken!»