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Gebet vor dem Badezimmerspiegel


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Lieber Gott, wie wär‘s mit mir als Micker,

Dünn und drahtig könnte ich durchs Leben gehn?

Du, seit Wochen werd‘ ich immer dicker,

Du, ich kann schon meine Zehen nicht mehr sehn!

Guck ich runter, seh ich einen Hügel,

Unter dem ich Zehen nur vermuten kann,

Das Barockgespenst im Badezimmerspiegel

Guckt mich aus verschweinsten kleinen Augen an.


Manchmal träum‘ ich einer Stadtgazelle

Hinterher, wenn sie an mir vorüberschnürt,

Schließlich steh ich wieder an der Schwelle,

Die zu meinem Albtraumbadezimmer führt.

Ach, warum nur quälst du mich mit Träumen,

Füllst mich mit Gewicht und Sehnsuchtsbildern ab?

Stadtgazellen grasen in entfernten Räumen,

Und als Dicker hast ‘e dorthin nicht den Trab.


Lieber Gott, auch wenn wir es beklagen,

Sind wir beide – guck mal in den Spiegel! – viel zu dick.

Soll‘n wir eine Kur dagegen wagen?

Oder nehmen wir’s gefasst als Daseinsknick?

Was? Du schweigst? Na, dann in Gottes Namen

Kann nur das die Lösung unsres Falles sein:

Lass uns einfach noch viel dicker werden, amen.

(Und jetzt lad’ ich uns zum Schweinebraten ein.)



Packend fleischlich

 – Don Quichotte spricht ein Gebet:

Gott, oh Gott, dem nichts entgeht,

Mach mich stark, im Garten hockt

Hüllenlos ein Weib und lockt!

Ihre Schenkel sind von Stein,

Stein ist alles, alles, n–n–n–ein,

Manchmal nachts wird die Figur

Packend fleischliche Natur,

Ihre Schenkel, ihre Arme,

Ihre … Gott, oh Gott, erbarme

Dich des Menschen, der mit schlechten

Kleinen Lüsten in den Nächten

Unter deinen Sternen hockt,

Ach, sie lockt und lockt und lockt,

Amen, amen …


 

Ein armes Schwein betet

– Gottogott mit Glorienschein,
Ich bin nur ein armes Schwein,
Und als solches will ich beten
Und dir vor die Augen treten,
Ach, das Beten fällt mir schwer,
Wenn ich doch geübter wär!

Kümmern dich in deinem Scheine
Überhaupt die armen Schweine?
Hältst du uns ein Himmelsfleckchen
Reserviert als Langzeiteckchen,
Einen Ort zum Abarbeiten
Uns‘rer Unvollkommenheiten?
Eh‘ ich bete, lass es mich
Wissen: Int‘ressiern wir dich?

Ja? … War das ein Ja? … Ein klares?
Eher eins in Watte war es,
So ein Ja hört man in Domen,
Und man nimmt es dort als Omen,
Weil dazu die Orgeln klingen
Und das Ja in Jubel schlingen,
Bums! schon fällt man drauf herein …

Sag‘s doch, wie es ist, sag: Nein,
Arme Schweine? Kein Int‘resse!
Danke. – Eh’ ich es vergesse,
Kannst du auch die Einsicht nähren,
Dass wir dich den Teufel scheren?
Danke, ehrlich währt am längsten.

So empfehl ich mich in Ängsten,
Denn das Beten muss verschoben
Werden irgendwann auf oben,
Wenn ich komme, und der Engel an der Tür
Drückt ein Auge zu und sagt: «Herein mit dir!»

 

Abschiedsgebet für Eckart


 – Lieber Gott, er wird nun zu dir kommen,
Wenn er Glück hat, lässt du ihn auch rein,
Warnen solltest du die andern Frommen,
Denn er wird kein Bagatellfall sein.

Wenn er kommt, verhülle deine Engel,
Lass die rosa Wolken eingepackt,
Nimm den Neuen väterlich am Gängel
Und verbiet‘ ihm den Dreivierteltakt.

Unten hat er sich enorm verschwendet,
Niemand sah ihn schief im Leben stehn,
Immer hat er sich dem Witz verpfändet,
Und zur Beichte ließ er and‘re gehn.

Lass ihn spüren, dass der Ernst des Lebens
Nunmehr auch für ihn beginnen wird,
Sag ihm deutlich, dass er nun vergebens
Sich aufs Leichtgepäck besinnen wird.

Wenn es sein muss, lieber Gott, verbinde
Ihm die Augen vor dem ew‘gen Glück,
Dass er möglichst bald zur Reife finde.
Und dann, bitte, schick ihn uns zurück.

 

 Kindergebet bei Regenwetter 


– Es regnet lang, und kleine Lippen beten:
Ach, lieber Gott, mir ist ja, ach, so schlecht,
Die Mami hat den Papi heut getreten,
Schon wieder alles wegen der Moneten,
Denn weil es regnet, ist ihr gar nix recht.

Ich hab die Mami extra noch gezogen
Und hab gesagt, ich müsste mal ganz schnell,
Das war vielleicht ‘n bisschen sehr gelogen,
Ich lüg sonst nicht, ich bin auch hingeflogen,
Und in mir selber wars auf einmal hell.

Ich hab geweint. Der Papi hats gesehen,
Und trotzdem ging er dann zu seinem Freund,
Ich kann das, wenn ich groß bin, auch verstehen,
Weil, wer so groß ist, muss halt manchmal gehen,
Und seine Frau sagt dann: Der Alte streunt.

Dann hat die Mami mein‘ Kakao getrunken
Und hat gesagt: Ihr seid mir alle schnurz.
Ich hab dem Papi heimlich nachgewunken:
Tschüss, Papi! Und dann bin ich abgestunken,
Das stimmt, von wegen einem kleinen Furz.

Ach, lieber Gott, wir sind ja nette Leute,
Nur wenn es regnet, ist der Wurm im Holz,
Und darum, bitte, gilt der Tag nicht heute,
Wir sind bei uns die allerfeinsten Leute,
Und, gell, du bist auf unsereinen stolz?

pe-es: Der Papi geht bestimmt zu solchen Damen,
Mach, dass sie viel zu teuer sind, die Damen, amen.